K.I.NIG // LESEPROBE
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Roman · KI · Politik

Leseprobe

Ein K.I.NIG für Deutschland ist ein Roman über künstliche Intelligenz, Politik, Populismus und die Frage, was passiert, wenn moderne Technologien plötzlich die Sprache der Macht sprechen. Das folgende Kapitel erklärt zugleich ein Stück weit die vielen Songs und Stilvarianten auf der Startseite: Hier beginnt der Moment, in dem aus einer Idee ein viraler Funke wird.
Kapitel 6

Suno

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Es gab bessere Tage und es gab schlechtere Tage. Heute war ganz definitiv keiner der besseren.

Jonas Müller versuchte, den roten Pfeil wieder einzufangen, der ganz an den unteren Rand des supertollen, supersmarten Boards gerutscht war. Ein Gerät, das vor ewigen Zeiten einmal schlicht »Tafel« geheißen hatte und auch einfach nur das getan hatte, was es sollte.

Heute hingegen machten die Dinger, was sie wollten. Er versuchte, den kleinen Rest des Pfeils zu erreichen, der ohne jegliche Erklärung von seinem vorgesehenen Platz in Jonas’ Mindmap in die unterste Ecke gerutscht war.

Klappte nur leider nicht, weil so weit außen die Touchsensoren des dämlichen Mistteils nicht mehr reagierten. Einen neuen Pfeil zu zeichnen, scheiterte daran, dass der Strich der interaktiven Active-Pens immer gute zehn Zentimeter neben dem von ihm anvisierten Punkt auf der Tafel erschien.

Er seufzte, zog einen ganz klassischen alten Folienstift hervor und umkreiste damit die Inhalte, auf die er seine Schüler aufmerksam machen wollte.

»Wie ihr seht, ist das Wahlrecht in Deutschland eigentlich ganz einfach …«, begann er, doch niemand hörte ihm zu.

»Woah, Herr Müller, krass, Sie können doch nicht in die Mitte der Tafel malen!«, rief Kevin, der sonst nie irgendetwas zum Unterricht beitrug.

Zahra nickte entschieden. »Geht gar nisch, Herr Müller! Hat Herr Yilniz uns so krass oft gesagt: Nie in Mitte, weil is Projektfläche oder so.«

Herr Yilniz, der kleine Streber, sollte erst mal trocken hinter den Ohren werden, bevor er ihm hier in seinem Klassenraum Vorschriften machte, dachte Jonas.

Laut sagte er: »Ganz ruhig bleiben. Ich wisch es ja nachher wieder weg.«

Das reichte zwar, um den größten Aufschrei zum Verstummen zu bringen, aber er spürte weiterhin die Aufregung über sein frevelhaftes Verhalten im ganzen Klassenzimmer.

»Jetzt schaut doch bitte mal her«, sagte er und machte einen neuen Anlauf. »Hier in der Mitte des Schaubilds, da passiert das eigentlich Spannende.«

Er klopfte mit dem Knöchel gegen die Tafel, um die Aufmerksamkeit seiner Schüler noch einmal zumindest ein klein wenig nach vorne zu lenken.

Aber das Mistding hatte heute ganz eindeutig andere Pläne. Das gesamte Board wurde mit einem Mal dunkel und das Schaubild, das er gestern Abend mit so viel Mühe vorbereitet hatte, verschwand im digitalen Nichts.

Ja, super! Fall mir ruhig vollständig in den Rücken, du dämliche Verräter-Tafel, dachte Jonas.

Aber es war natürlich nicht die digitale Tafel, die ihm untreu wurde, sondern das überteuerte Apple TV. Ein dreihundert Euro teures Stück Technik, das es jedem Schüler mit ein bisschen technischem Verstand erlaubte, die Stunde jederzeit zu stören.

Jonas schielte in die rechte obere Ecke. Aha. AirPlay-Stream von »TIMS-IFON«. Ganz schön frech. Niemals ein geladenes Tablet dabei, aber mit dem Handy mal eben die Tafel kapern. Aber nicht mit mir, Freundchen.

»TIM …«, rief er, noch bevor sein Blick den Bengel fand, der mal wieder auf der Fensterbank saß, um dort dichter an der einzigen Steckdose im Klassenzimmer zu sein.

»Ich glaube, du hast dir da gerade richtig Ärger eingehandelt«, sagte Jonas und suchte in seiner Hosentasche nach der Fernbedienung, um dem Enterversuch dieses digitalen Möchtegern-Piraten ein sofortiges Ende zu bereiten.

Von hinter sich hörte er Musik. Hatte Tim da etwa eins seiner schrecklichen YouTube-Videos gestartet? Jonas fand die Selbstüberschätzung seiner Schüler bemerkenswert, die allesamt keinen echten Beruf erlernen, sondern durch die Bank weg »Influencer« oder »TikTok Star« werden wollten, aber was sie ihm bisher so vorgespielt hatten, war einfach nur grottig schlecht gewesen.

»Kritischer Systemfehler. Neustart erforderlich«, plärrte die Tafel hinter ihm, kurz bevor ein treibender, leicht elektronischer Schlagzeugbeat einsetzte.

Okay, zumindest hier lag sie mal genau richtig. Ein Neustart für diesen verkorksten Tag wäre wohl tatsächlich die beste Lösung.

Die Fernbedienung in der Hand drehte er sich zur Tafel um und erstarrte. Von dort oben grinste ihm sein eigenes Gesicht entgegen – ein überlebensgroßer Jonas Müller mit einer goldenen Krone auf dem Kopf, umrahmt von lauter Einsen und Nullen. Darunter prangten die Worte:

Ein K.I.-König für Deutschland!

Dann begann eine leicht synthetisch klingende Frauenstimme eine überraschend eingängige Melodie zu singen, die direkt ins Ohr ging:

»Seh die gleichen Gesichter im grellen TV-Licht,

Leere Phrasen, Filter-Lächeln. Alles nur für dich.

Erzählen was von Zukunft, doch die Leitung ist besetzt.

Haben seit den Neunzigern das gleiche WLAN-Netz.«

Jonas wandte sich mit einem leicht tadelnden Blick an seine Klasse. »Leute …«, setzte er an, doch ein vielstimmiges »Psssssst!« ließ ihn verstummen.

Ihm war schon klar, dass seine Schüler ihm eigentlich nur eine Freude hatten machen wollen. Aber die Richtung, die sie dabei einschlugen, konnte er doch nicht unkommentiert lassen.

»Aber …«, versuchte er es erneut.

»Schüsch, Herr Müller, pass auf«, hörte er aus irgendeiner Ecke und fragte sich, wer ihn da gerade so dreist duzte. »Gleich kommt die krass coole Stelle!«

Kopfschüttelnd wandte er sich wieder der Tafel zu. Konnte eigentlich nur Stanislav gewesen sein. Wenn der aufgeregt war, rutschte er immer noch in das Grundschul-Du-Herr-Müller-Muster.

Die Sängerin in dem Video steigerte sich inzwischen, untermalt von treibenden Synthie-Klängen, immer weiter, wurde lauter und drängender, während sie rief:

Ihr redet und redet, doch nichts passiert.

Wir haben eure Lügen lange analysiert.

Sind durch mit dem Blabla der Show und der Gier.

Die Zukunft gehört uns, die Zukunft sind wir!

Purer Populismus, dachte Jonas. Sowas von aus dem Lehrbuch. Ungläubig wanderte sein Blick zu den Schülerplakaten an der Seitenwand des Klassenzimmers. »Wir gegen die da oben«, stand dort, »Schweigende Mehrheit«, »Strohmann«, »Ad Hominem« und Zitate wie »Wir werden sie jagen«.

Hatten sie alle selbst angefertigt. Und er hatte wirklich geglaubt, sie hätten es kapiert. Aber jetzt sah es eher so aus, als hätten sie die ganze Einheit eher als Anleitung statt als Warnung verstanden.

Entschieden griff er zur Fernbedienung, um dem Spuk ein Ende zu setzen. Im Geiste formulierte er bereits den Frontalvortrag, mit dem er seinen lieben Kleinen mal ordentlich den Kopf waschen würde.

Doch genau in dem Moment schwang die Klassentür auf und Mira trat herein. Jonas fühlte sich auf seltsame Weise ertappt, wie sie da plötzlich im Türrahmen stand, den Kopf leicht schräg geneigt und ganz offensichtlich sehr interessiert dem Lied lauschend. Gleichzeitig fühlte er sich außerstande, den Aus-Knopf auf der Fernbedienung zu drücken, während sie ihn so intensiv fixierte.

Die Sängerin schrie inzwischen in höchster Lautstärke nach einem »K.I.-König für Deutschland, der weiß, was er tut« und verlangte »Logik statt Lobby, Code statt Korruption« und einer politischen »K.I.-Revolution.«

Mira nickte im Takt des eingängigen Rhythmus mit dem Kopf. Was machte sie überhaupt schon hier? Seine Politikstunde konnte doch nicht schon zu Ende sein, oder? Jonas wollte die Situation unbedingt klarstellen. Nicht, dass Mira dachte, er hätte diesen Unfug verzapft.

Das Lied klang aus. Die Frauenstimme verlangte noch ein paar Mal nach einem »System-Neustart«, einem »Update« und schloss dann mit einem trotzigen »Jetzt!«

Dann wurde der Bildschirm dunkel und erwartungsvolles Schweigen breitete sich im Klassenzimmer aus.

Alle Augen waren auf Jonas gerichtet. Auch Mira, die noch immer im Türrahmen lehnte, sah ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Neugier an.

»Na, das war ja mal was«, sagte sie trocken, entließ ihn aber weiterhin nicht aus ihrem prüfenden Blick. Natürlich war ihr der populistische Text auch aufgefallen. Schließlich hatten sie die Einheit gemeinsam ausgearbeitet und in ihrer eigenen Klasse hingen ganz ähnliche Schülerplakate. Nur dass ihre mal wieder wesentlich ordentlicher und bunter aussahen.

Er wandte sich seiner Klasse zu, ließ den Blick über die erwartungsvollen Gesichter schweifen. Sie hatten sich Mühe gegeben, das war schon mal klar. Und sie hatten es für ihn getan, auch wenn sie damit – vermutlich unwissentlich – genau die politischen Mittel benutzten, die er mit seinem KI-basierten Ansatz bekämpfen wollte.

Wie beiläufig ging er zur Seitentafel hinüber.

»Klingt nach nem wirklich coolen Song«, lobte er. Das war wichtig. Die Geste seiner Schüler rührte ihn wirklich an. Sie hatten es schließlich nur gut gemeint.

Aber gleichzeitig konnte der Lehrer in ihm das Ganze auch nicht einfach auf sich beruhen lassen.

»Aber …«, sagte er und klopfte dann mit dem Knöchel gegen die Plakate an der Wand, »habt ihr beim Text nicht vielleicht ein klein wenig hier aus unserem Populismus-Werkzeugkasten abgeschrieben?«

Völliges Unverständnis. Ratlose Gesichter.

Konnte es tatsächlich wahr sein, dass ihnen das beim Schreiben gar nicht aufgefallen war?

»Also eigentlich«, meldete sich Tim zu Wort, »haben wir den Text gar nicht geschrieben.«

Er schwang seine Beine von der Fensterbank und schlenderte bewusst lässig in Richtung seines eigentlichen Platzes in der hintersten Reihe neben Stanislav.

»Das war alles die KI«, erklärte er. »Gemini kann man neuerdings mit ganzen YouTube-Clips füttern. Da haben wir einfach ihr ›Hart aber fair‹-Video reingeworfen und ihm gesagt: Mach mal ’nen Songtext draus.«

»Und dann«, schaltete sich Jessica ein, der Jonas eigentlich viel eher als Tim zugetraut hätte, sich mit den aktuellen KI-Systemen auszukennen, »dann haben wir den Text in der Klassen-WhatsApp-Gruppe geteilt und jeder hat bei Suno seinen eigenen Song daraus gemacht. Und meiner war halt der Beste.«

»Schwör, was, der Beste?«, fuhr Sergej dazwischen. »Du warst nur die Erste, die mit diese komische Revid-App ein Video dazu gemacht hat. Der Gangsta-Rap von mir war viel krasser.«

»Wallah, dann mach doch besser«, zischte Zahra ihn an. »Der Video von Jessi war halt der erste rischtisch fertige Video, und deshalb haben wir vorhin alle gesagt, jetzt zeigen wir den Herr Müller.«

»Geht nicht mit die blöde Revid. Dämliche Credits für kostenlose Videos sind alle«, murrte Sergej.

»Dann mach halt neuen Account.«

»Der weiß doch nicht mal, wie er sich ’ne E-Mail einrichtet«, stichelte Jessica. »Muss dir ’n kleines Mädchen zeigen, wie das geht, Sergej-Mausi …?«

RUMMS!

Die Tür fiel mit lautem Knall zu und unterbrach damit die aufkeimende Zickerei seiner Schüler. Miras Methode, sich Gehör zu verschaffen, war definitiv anders als seine eigene, aber funktionieren tat sie genauso gut.

»Ihr Lieben«, sagte sie in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie auch ganz schnell ihre nicht-so-Lieben werden konnten, »habt da etwas ganz Besonderes und Einzigartiges für euren Klassenlehrer gemacht.«

Genau so schnell wie ihr Ton scharf geworden war, wurde er jetzt wieder samtweich. »Das ist total lieb von euch und es zeigt, dass ihr den Weg, den Herr Müller hier gerade beschreitet, nicht nur versteht, sondern ihn auch dabei unterstützt.«

Jonas musste lächeln. Ja, da hatte Mira recht. So sehr ihm seine Bande auch manchmal auf die Nerven ging mit ihrem Getöse und Macho-Gehabe, so sehr wusste er doch auch, dass sie alles für ihn tun würden. Und das rechnete er ihnen hoch an.

»Aber ihr müsst auch verstehen, dass diese Art ›denen da oben‹ die Schuld an allem zu geben, was schiefläuft, genau das ist, was all die demokratiefeindlichen Parteien überall auf der Welt gerade machen, um am rechten Rand nach Wählerstimmen zu fischen.«

Sie zählte an den Fingern ab: »Hier in Deutschland liegt die AfD bei den Sonntagsfragen inzwischen vor allen anderen Parteien. In Frankreich ringen sie verzweifelt darum, die völlig zerstrittene Regierung noch einmal zu reparieren, weil sonst Marine Le Pen mit ihrer Partei bereitsteht, um sie zu übernehmen. In Italien, in den Niederlanden, in Ungarn – überall gewinnen die, die am lautesten schreien und die einfachsten Antworten geben.«

Sie legte den Kopf auf ihre einzigartige Art schief und sagte: »Über die USA brauchen wir ja wohl gar nicht erst zu reden, oder?«

Viele Schüler lachten. Ja, über diesen ganz großen Populisten hatten sie tatsächlich schon viel zu oft sprechen müssen in den letzten Politikstunden.

»All diese Parteien haben Erfolg, weil sie so herrlich einfache Antworten geben«, fuhr Mira fort. »Klimawandel? Gibt es gar nicht. All deine Probleme? Die Ausländer sind dran schuld. Die da oben? Wollen euch alle nur verarschen. Wollt ihr mit eurem Lied ernsthaft die Methoden von solchen Leuten nutzen und euch mit ihnen auf eine Stufe stellen?«

Kurz war es in der Klasse wieder ganz still und Jonas bildete sich ein, hören zu können, wie vielen das Herz brach wegen des schönen Songs, den sie für ihn gemacht hatten.

Dann meldete sich Sergej zu Wort. »Naja, aber läuft doch bei denen, oder?«, sagte er und erntete dafür vereinzelte Lacher und »Is so!«-Zwischenrufe. Die meisten aus der Klasse aber schauten erwartungsvoll in Richtung ihres Klassenlehrers, der noch immer vor den Populismus-Plakaten stand, tief in Gedanken versunken.

Natürlich hatte Mira Recht, dachte Jonas. All diese Parteien hatten Erfolg, weil sie sich genau an dieses Schema hielten. Sie verkauften eine bunte Verpackung voller Versprechungen, ein großes, mit Schleifchen und Glitzer verziertes Geschenk, das so verlockend aussah, dass man kaum widerstehen konnte. Aber wenn man es auspackte und hineinschaute, dann fand man darin nichts außer Hass, Lügen und Ideen, die schon im letzten Jahrhundert nicht funktioniert hatten.

Und doch … hatte Sergej nicht auch Recht? Es war nicht von der Hand zu weisen, dass die Parteien, die auf genau diese Methode setzten, in ganz Europa einen unglaublichen Zulauf hatten. Woran lag das? Jonas weigerte sich weiterhin beharrlich, daran zu glauben, dass tatsächlich rund um den Globus immer mehr Wähler zu menschenverachtenden Rassisten wurden. Nein, es musste an der Verpackung liegen, am Glitzer, an den einfachen Versprechen.

Dem hatten die etablierten Parteien nichts entgegenzusetzen. Oft kam es Jonas so vor, als versuchten sie einen Flächenbrand mit winzig kleinen Wasserpistolen zu löschen, während die Gegenseite johlend immer mehr Benzin ins Feuer goss.

Vielleicht war es an der Zeit, einen gezielten Gegenbrand zu setzen. Feuer mit Feuer zu bekämpfen.

Er warf einen Blick in Miras Richtung. Und als könnte sie noch immer seine innersten Gedanken lesen, legte sich ihre Stirn in besorgte Falten. »Spiel nicht mit dem Feuer«, schien sie ihm zuzurufen. »Das ist eine Nummer zu groß für dich.«

»Also …«, setzte er an, noch immer nicht wissend, was er als nächstes sagen würde.

»Krass, Herr Müller! Guck mal hier!«, rief Stanislav dazwischen, sprang von seinem Platz auf und hielt Tims Handy wie eine Trophäe vor Jonas Augen.

Da haben wir also unseren Aufregungs-Duzer, dachte Jonas, während er versuchte nachzuvollziehen, was Stanislav so sehr begeisterte, dass er sogar das absolute Handyverbot während des Unterrichts vergaß.

Auf dem kleinen, von Sprüngen durchzogenen Bildschirm sah Jonas das Video. Darunter explodierte eine Lawine aus bunten Symbolen, die wie im Rausch über das Display flogen: Herzen, die wie Seifenblasen aufstiegen, kleine Sprechblasen, und Zahlen, die sich schneller änderten, als er sie lesen konnte.

»Tim hatte das vorhin gleich auf Tiktok und Insta …«

»Hab ich gar nicht, Zahra hat auf Absenden getippt!«

»Was, Alter! Du hast doch hochladen und alles gemacht, ich hab nur …«

»Wow, guck mal die Likes! Schon über tausend! Und wird geteilt wie Hölle, isch schwör!«

Jonas fiel es zunehmend schwerer, das Video überhaupt noch zu erkennen, so umschwärmt von aufgeregten Schülern war Stanislavs Handy inzwischen.

Dann spürte er mit einem Mal Mira neben sich. So dicht, wie seit Jahren nicht mehr. Ihr genügte ein kurzer Blick auf die Statistiken, die Stanislav jetzt geöffnet hatte.

»Vierhundert Kommentare, tausendvierhundert Likes und über zehntausend Views«, hauchte sie ihm ins Ohr, was ihm einen heißen Schauer den Rücken herunterlaufen ließ. »Du gehst gerade viral, mein Lieber.«

Jonas trat einen Schritt zurück, heraus aus der begeistert brodelnden Masse von Schülern.

»Zwölftausend Views!«, rief einer seiner Schüler über den Lärm hinweg. »Die Leute rasten aus!«

Er spürte ein Ziehen in der Magengegend. Eine schwindelerregende Mischung aus Entsetzen und Faszination. Er hatte keine Kontrolle mehr. Es spielte überhaupt keine Rolle, ob ihm die Richtung gefiel, in die sich das Ganze entwickelte. Er war nur noch ein Passagier auf diesem immer schneller rasenden Zug.

Mira legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. »Jonas …«, flüsterte sie und schüttelte langsam den Kopf. Mehr war nicht nötig. Er las in ihrem Gesicht die Besorgnis um ihn und die durchaus berechtigte Angst, dass dies hier alles weit außerhalb seiner Liga lag.

Auch in ihm selbst tobte ein Sturm aus Gefühlen – Angst, Faszination, Zweifel. Doch gleichzeitig spürte Jonas, wie die Euphorie seiner Schüler ihn erfasste, ihn mit sich riss und alle Bedenken fortspülte.

»Fünfzehntausend! Yeah, wir trenden!«, rief Tim.

Sie hatten einen Nerv getroffen. Es war genau das, was sich die Menschen schon lange gewünscht hatten: Eine wirkliche Alternative zur aktuellen Politik des Stillstandes – aber mit Verstand statt mit uralten rechten Parolen. Es war die bunte Verpackung – aber gefüllt mit Wahrheit, Logik und echten Lösungen.

Irgendwo, tief in ihm, kippte etwas. Die Zweifel verstummten und an ihre Stelle trat Entschlossenheit. Es war, als würde ein Schalter umgelegt. Mit einem Mal wusste er genau, was zu tun war.

Er sah Mira neben sich, sah die Warnung in ihren Augen, die stumme Bitte, diesen Pfad nicht einzuschlagen. Doch der Rausch der Zustimmung zu seiner Idee war stärker als ihre stumme Mahnung zu Vernunft und Zurückhaltung.

Sanft löste er sich aus ihrem Griff, ging auf die Schüler zu und nahm Stanislav das zerkratzte Handy aus der Hand.

Die Klasse verstummte augenblicklich. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Er sah den sich unaufhaltsam drehenden Zähler, der gerade die Sechzehntausendermarke durchbrach. Er spürte die Welle. Aber er wehrte sich nicht mehr gegen sie. Im Gegenteil. Ganz bewusst ließ er sich von ihr mitreißen. Er war jetzt absolut bereit dazu, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Und seine Schüler hatten ihm gerade einen verdammten Flammenwerfer in die Hand gedrückt.

Er hob den Blick und sah in erwartungsvolle Gesichter.

»Macht noch ein Video«, sagte er in die gespannte Stille. Seine Stimme war ruhig, aber fest.

Die Schüler sahen ihn unsicher an. Doch einige grinsten bereits.

Jonas’ Mund verzog sich zu einem Lächeln, das Mira noch nie an ihm gesehen hatte. Es war nicht fröhlich. Es war eiskalt und entschlossen. »Macht jeder noch zehn Videos.«